Unsere neueste Veröffentlichung 

Barbara Westphal, eine ehemalige Resozialisierungshelferin für Insassen der JVA Lübeck, teilt in diesem fesselnden Buch die zum Nachdenken anregenden Briefe von Gefangenen. Diese zeigen eindrucksvoll den Menschen hinter der Tat. 

Leseprobe

Hallo, liebe Barbara, 

es ist Sonntagabend, und es geht mir soweit gut. Du fragtest danach vorhin am Telefon. Na ja, wie soll ich mich fühlen? Ich sage zu allem hier: Ja. Und ich habe ein Lachen drauf, dann denken sie hier: oh, alles in Ordnung mit S. Na ja, wenn sie hier sonst keine Prob-leme haben, nur, wie ich mich fühle? Dann sage ich: es geht mir schlecht. Es ist wieder so ein Tief wie ich es hatte, bevor sie hier versucht haben, mich einzuweisen. Aber der Schuss ging nach hinten los, noch nicht einmal das hat man hier gemerkt. Ich weiß nur, dass man ein Feuer mit Wasser löscht und nicht mit Benzin. Es ist ein Wunder, dass noch nichts passiert ist. Aber kleine Kinder, alte Menschen, kranke Men-schen und vor allem dumme Menschen haben Glück, sie tragen einen Heiligenschein. Ich kann für mich nur sagen, dass ich mich aus allem‚ raushalte, da kann man dann nicht sagen, dass ich dabei war. Nur mein Anwalt weiß diese Dinge von mir, und an dem Tag, an dem hier etwas geschieht, wird er das den richtigen Stellen schon mitteilen. 

Ich freue mich, dass ich mit dir reden und auch lachen kann. So ein Lachen hatte ich schon viele, viele Jahre nicht mehr. Aber mein Lachen ist nur bei dir so echt. Nach unserem Telefonat ging es mir wieder bes-ser. 

Wenn ich mit dir rede, muss ich mich nicht verstellen und ich brauche mir nicht ständig zu überlegen, was ich sage. Diese Ehrlichkeit ist sehr wichtig für mich. Ich brauche nicht zu lügen. 

Du fragst mich, was ich so mache auf Zelle? Na ja, ich denke nach über das, was wir so besprechen. Und dann denke ich darüber nach wie die Zeit vor dem Knast war, und was ich verloren habe, aber auch erlebt habe. Und diese Zeit war so schön, dass mich hier nichts juckt. Ich könnte manchem erzählen, was ich hatte, aber das ist nur meins. Und daher ist das schön, wenn ich nochmal darüber nachdenken kann. 

Aber das geht gar nicht jeden Tag. Manchmal könnte ich schreien, aber ich muss das Beste daraus machen. Bei allen Problemen und dem Ärger hier, muss ich alleine damit fertig werden. Mir hilft keiner, ich bekomme nur Nachverurteilungen. Die Wahrheit will keiner hören. Daher bin ich froh, dass das bei uns anders ist. 

Ich fühle mich wie eine Rose, denn die sehnt sich nach dem Tag. 

Ich befinde mich auf dem Weg zum Nirgendwo, und das ist schlimm. Ich darf nichts mehr an mich ranlassen hier, weil dann jeder Gedanke, jedes Gefühl stirbt, dann wird man eiskalt hier. Keiner fragt nach, ob das weh tut. Meine Narben sind in meiner Seele. Man will nur noch sterben. Das Leben hier ist dunkler als die Nacht. Meine Angst ist, dass ich den Mut verliere, und das beschäftigt mich über alle Tage hier. Mein Spruch heißt: Und täglich grüßt das Murmeltier. Das lebt auch in ewiger Dunkelheit und ist täglich auf der Hut, nicht gefressen zu werden. 

Es ist nun 22 Uhr und ich höre Enigma, das lenkt ein wenig ab. Du glaubst nun, dass ich spinne? Hey, vielleicht, aber nur so stehst du den Knast durch, sonst gehst du vor die Hunde hier drinnen. 

Liebe Barbara, ich stelle mir immer wieder die Fragen: was kann ich träumen, was sind Fröhlichkeit und Mut, was bedeutet es, zu leben? 

Die Nacht hat eine Tür, ich habe das Gefühl, nur vor Mauern zu stehen. Aber ich werde meinen Weg gehen hier! 

Es grüßt dich, 

G.